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Geträumte Gespräche von imaginären Freunden

Sonntag, 08. Januar 2012

Träum schön

#3 Morgens, Tram-Haltestelle Hackescher Markt

Karl kommt zur Haltestelle, sieht seinen alten Kumpel Heinz:

Karl: Moin

Heinz (schreit ins Handy): Wenn Sie das machen, dann hören Sie von meinem Anwalt! Was? Na, da können Sie einen drauf lassen!

Heinz beendet das Telefonat wutschnaubend mit großer Geste.

Heinz zu Karl: Ach, guten Morgen Karl. Naja, so gut ist der Morgen gar nicht. Musste meinen Versicherungsmakler wulffen - Vertragsprobleme!

Karl: Ach, Du jetzt auch? Wulffen - das neue Unwort für “jemanden telefonisch nötigen und bedrohen”!

Karl macht Luftgeste Anführungszeichen.

Heinz: Naja, irgendwie kann ich ihn auch verstehn. Ständig unter Druck, immer gute Miene zum mediokren Spiel machen. Da kann einem schon mal am Hör-Sprachrohr die Sicherung durchgehen.

Tram 1 kommt, hält und fährt ab. Freunde ins Gespräch vertieft.

Karl: ja, schon ok. Aber da hat er sich doch voll vergallopiert. Und hinterher bleibt er ohne jedes Unrechtsbewusstsein!

Heinz: Er hat ja auch gegen kein Recht und Gesetz verstoßen.

Karl: Aber gegen Anstand, Sitte, Würde des Amtes …

Heinz: Ja, ok.

Karl: … Sprachhygiene, Logik, Ethik …

Tram 2 kommt, hält und fährt ab. Freunde ins Gespräch vertieft.

Heinz: Schon, aber …

Karl: Professionalität, staatsbürgerliche Demut, Verantwortungsbewusstsein …

Heinz: Aber denkt denn hier keiner an seine Verdienste?

Karl: Welche genau?

Heinz: Also, die Sache mit den Muslimen.

Karl: Ja, da war dann mal das!

Heinz: Dass der Islam ja auch zu Deutschland gehört.

Karl: Mhm.

Heinz: Und dann noch …

Karl: Jaaa?

Heinz: Also, er ist schon auch irgendwie sehr repräsentativ. Weniger sprachlich oder inhaltlich, mehr so im Ganzen gesehn. Auch so mit Gattin im Schlepp.

Karl: Tja, ok … und sonst?

Heinz: Zugegeben, den großen Impact hatte er noch nicht. Trotzdem!

Karl: Trotzdem was?

Heinz: Trotzdem ist die Reaktion übertrieben. Übertrieben, maßlos und hysterisch.

Karl: Hysterisch? Na, ich weiß nicht!?

Heinz: Klar hysterisch, mein Freund. Hysterische Bürger eines hysterischen Landes aufgepeitscht von einer sensationsgeilen und kampagnenbesessenen Presse wollen seinen Kopf.

Karl: Nee, nur seinen Rücktritt.

Heinz: Aber das ist doch nun wirklich eine hysterische Reaktion!

Karl: So wie die des Präsidenten am Telefon?

Heinz: Genauso.

Karl: Ein hysterisches Volk und ein hysterischer Präsident! Passt! Wie Faust aufs Auge.

Heinz: Siehst Du? Da haben sich doch zwei gefunden, die sich verdienen.

Karl: So gesehen: Korrekt.

Tram 3 kommt, hält, Freunde steigen ein. Tram fährt ab.

später Tram (innen)

Karl: Und was machst Du jetzt mit dem Versicherungsmakler?

Heinz: Dem geb ich ordentlich Zunder. Wie gesagt, den werde ich wulffen!

Karl: Du drohst mit dem Anwalt?

Heinz: Nee, mein bester. Mit der BILD-Zeitung!

Karl: I werd hysterisch.

Freunde lachen …

Vom Festhalten im fluiden Leben

Sonntag, 02. Oktober 2011

War unlängst mit Freunden unterwegs. War funspass, war old times, war kurzmomentig großartig. Das musste man natürlich sofort fotografieren, abbilden, festmachen. Und dann sozial publizieren, vernetzwerken und somit unsere gemeinsamen Erinnerungsfragmente quasi globalisieren und universell zugänglich und verfügbar machen. Auf dem Rechner, auf Arbeit, im Urlaub, im ach so smart-Phone überall und jederzeit. Super eigentlich.

Denn so hat man die Vergangenheit immer dabei. Natürlich nur die Highlights, das aus dem Rahmen gefallene, das Herausragende. Immer wieder, immer irgendwie auch gleich, letztlich so eine Art gesammelte Nachspeisen ohne Hauptgänge.  Was nämlich nicht festgehalten wird, wird damit gleich grauschleirig und unwichtig. Und ist in dem Moment schon vergangen und verflüchtigt wo es passiert, fließt ins Ungefähre, ins Vergessen, also ins Nirvana …

Doch immerhin bleibt somit eine Art “Best of”-Version des eigenen Lebens erhalten. Immer abrufbar, auf Knopfdruck … äh Quatsch auf touchpoint. Aber Moment mal. Ist das so? Halten wir die Momente, die uns wichtig sind tatsächlich fest, indem wir sie einfrieren, Pixel für Pixel? Funktioniert das wirklich?

Kaum. Der Versuch des Festhaltens an sich löst uns bereits von der momentanen Einmaligkeit. Der Moment wird somit instrumentalisiert. Der Augenblick wird nicht mehr gelebt sondern in seiner Reproduzierbarkeit einer Art “Memory Lane … weisst Du noch damals”-Funktion unterworfen. Das Paradoxon: gerade weil wir Momente festhalten, vereinnahmen und ewig gültig machen wollen, verflüchtigen sie sich schon im selben Augenblick, weil nicht der unique Moment sondern seine letztlich austauschbare Anwendung als programmatische Erinnerungseinheit alles auratische, schwer greifbare und letztlich Entscheidende am Moment vernichtet.

Erinnerungsfabriken wie Facebook oder Youtube ermöglichen zwar scheinbar eine unendliche Speicherung der Höhepunkte des Selbsterlebten. In Wahrheit nivellieren sie jedoch das unique Erleben und machen unser Erlebtes austauschbar. Man muss sich nur einmal durch die sozialen Netzwerke klicken um festzustellen, wie wenig Eigenständiges, Unvergleichbares und über sich selbst hinaus Gültiges dort anzutreffen ist.

Diese Kulturkritik wurde nicht gesponsored von der Aktion Maschinenstürmer 2.0

Die Null muss gehen

Sonntag, 10. Januar 2010
Die Null muss gehen

Die Null muss gehen

Die Nuller-Jahre, das erste Jahrzehnt des 3. Jahrtausends sind Geschichte. Wie ist es uns ergangen? Waren es fette Jahre oder war es doch eine “lost decade”? Um das Jahrzehnt abschliessend in seinem jeweiligen globalen, nationalen, regionalen oder lokalen sozioökonomischen Kontext zu beurteilen, ist es doch noch etwas früh.

Aber was ist uns selbst alles so passiert? Kann man den Erfolg oder Mißerfolg einer Dekade mit Zahlen und Fakten belegen? Was habe ich verloren, was habe ich gewonnen? Ein sehr persönliches Resümee …

Meine Verluste

  • einige Freunde
  • einige Jobs
  • 2 Zähne
  • 328.500 Haare
  • 36.500.000 Gehirnzellen
  • 50+ kg Gewicht
  • meinen Vater

Meine Gewinne

  • wenige Freunde
  • einige Jobs
  • 5 Plomben
  • viel Menschenkenntnis
  • etwas Wissen
  • wenige Fähigkeiten

Fazit
Bei nüchterner Betrachtung ist mein Ergebnis klar: die Null muss gehen und das ist auch gut so. Doch was ist eigentlich mit Ihnen? Machen Sie den Test! Nehmen Sie sich ein paar Minuten und stellen Sie auf, was Ihnen verlustig gegangen ist in der Nuller-Dekade und was Sie zugewonnen haben! You’ll be surprised!

Tag der Deutschen Einheiten

Samstag, 03. Oktober 2009

Sie haben darum gekämpft vor zwanzig Jahren. In der Heldenstadt Leipzig und am Alex. Sie haben mit friedlichen Mitteln gekämpft - ausdauernd, zielgerichtet, gemeinsam. Die erste erfolgreiche Revolution auf teutschem Boden. Bewunderung! Respekt! Beifall!

Und was wollten sie damals, die Demonstranten in Ostdeutschland? Sie wollten die Einheit, nicht irgendeine - die Deutsche Einheit wollten sie!

Pech nur, dass wir im Westen sie schon hatten, die Einheit! Sie war hart, sie war gut, sie war unser! Die (west-)deutsche (Währungs-)Einheit: die D-Mark! Schon vierzig jahre war sie alt, im besten Alter. Strotzend vor Kraft - damals noch … doch dann ging die Einheit auch nach Osten, dann kam der Anschluss. Da war es schon fast vorbei mit der Deutschen Einheit.

Was wenige wissen: die wahre Deutsche Einheit (D-Mark) wurde der falschen Deutschen Einheit (Die Prinzen) auf dem Altar der Europäischen “Balance of power” geopfert. Denn um den Anschluss möglich zu machen, musste Kohl gegenüber Mitterand versichern, dass er auf die starke D-Mark verzichten werde und somit dem Euro den Weg freigemachen würde.

Und was feiert man heute? Den Anschluss, den Teuro, die Prinzen? Antworten bitte nicht an uns.

Rasender Stillstand - unterwegs in der Hauptstadt der Herzen

Montag, 20. Juli 2009

rasender-stillstand_3

Willkommen in Berlin! Sie sind Tourist. Halt, nicht gleich entschuldigen. Das ist gar nicht so schlimm wie Sie denken. Der Berliner kann Sie zwar per se nicht leiden (denn SIE sind ja kein Berliner, soviel steht schon mal fest), doch will er nur Ihr Bestes - ja, genau: Ihr Geld will er. Also sind Sie hochwillkommen. Dummerweise geben Sie Ihr Geld ja nicht gleich einfach an die hilfsbedürftigen Ureinwohner ab, Sie möchten auch etwas dafür bekommen. Sie wollen die modernen Verkehrsmittel einer echten Metropole nutzen, um die unzweideutig reichhaltigen Sehenswürdigkeiten der teutschen Hauptstadt kennenzulernen. An sich eine gute Idee. Aber wie wollen Sie dahinkommen?

1. Möglichkeit - das Taxi
Das wird Ihnen gefallen, wenn Sie auf gut abgehangenes Soziologenseminarlatein der späten Siebzigerjahre stehen und Ihnen ansonsten der Geruchssinn durch einen schrecklichen Unfall geraubt wurde. Für alle anderen: nicht zu empfehlen.

2. Möglichkeit - das Mietrad
Das wird ihnen gefallen, wenn Sie ansonsten gerne mit dem Tretboot die Niagara-Wasserfälle runterfahren. Denn Sie sind eindeutig Gefahrensucher und Lieblingsopfer von Busfahrern, Trams und des natürlichen Rollfeindes aller Touri-Radler: des Berliner Radlers, der James Caan in Rollerball aussehen lässt wie Oma Käthe beim Begonienschneiden. Für alle anderen: nicht zu empfehlen.

3. Möglichkeit - der öffentliche Nahverkehr
Berlin hat ein dichtes U-Bahnnetz. Das ist auch gut so. Weniger gut für Touristen: in den Sommermonaten wird gebaut … und gebaut … und nochmehr gebaut. Natürlich fährt immer genau die U-Bahn die man gerade braucht genau ausgerechnet heute nicht. Es versteht sich, dass es keine Hinweisschilder in Fremdsprachen gibt, es sei denn man erkennt Hochdeutsch in Berlin richtigerweise als solche an (ja, zugegeben: es handelt sich “ein Stück weit” um eine Text-Bildschere, denn in dem obigen Bild gibt es einen englischen Passus. Is aber die ab so lu te Ausnahme. Schwöööre!).

Berlin hat eine fast flächendeckende S-Bahnversorgung. Wenn die S-Bahn denn fährt. Zurzeit steht sie mehr. Denn es fahren gerade mal 30% aller S-Bahnzüge im Moment. Das haben die Tommys und Yankees nicht mal im Krieg mit ihren Bomben geschafft. Respekt, deutsche Bahn.

Berlin hat viele Busse und Trams. Abgesehen davon, dass es sich für Menschen jenseits der Einmetersiebzig fährt, als wolle man unbedingt nochmal im Go-Cart des dreijährigen Sohnemanns Platz nehmen, sind diese Verkehrsmittel tatsächlich verfügbar und fahren … wenn Sie nicht stehen, denn natürlich wird gerade im Sommer an den perfekt gesetzten, neuralgischen Punkten gebaut, was die Asphaltschippe hergibt.

Am Ende ein kleiner Tipp: Versuchen Sie es doch einfach zu Fuss! Zugegeben, Berlin ist nicht Posemuckel. Aber die Stadt erlaufen lohnt sich wirklich. Dermassen entschleunigt lässt sich Berlin ohnehin am besten geniessen. Dieser Artikel ist ein Update zu: Ich bin raus!

Endstation Zeitschleife

Freitag, 19. Juni 2009
Zeitschleifenloop

Zeitschleifenloop

Der Filmheld erscheint rennend und keuchend auf der Bildfläche, er schreit seiner Angebeten zu, in Deckung zu gehen. Doch zu spät, sie wird erschossen. Der Held ist am Boden zerstört, es gibt keine Zukunft mehr… Keine Zukunft? Aber eine Vergangenheit … und die kommt zuhilfe! Denn da tickt der Zeiger schon auf 12:01 und plötzlich zischt und rauscht der Sound, die bildhafte Welt zerstrahlt in schönste Spektren. Cut. Dunkelheit, ein Wecker klingelt penetrant. Der Held erwacht. Es ist wieder der Morgen des selben Tages. Die Zeit ist zurückgesprungen. Eine Zeitschleife. Der Held kann seine Schöne heute wieder retten und retten und retten …

Ich bin kein Held. Aber ich fahre Tram. Sie fragen sich sicher, was das eine mit dem anderen zu tun hat? Ne Menge, für mich zumindest, denn ich bin in einer Zeitschleife der anderen Art gefangen, also die Geschichte geht so:

Ich fahre gerne Tram in Berlin, Lieblingslaunchstation “S Friedrichsstrasse”, M1 oder 12 Richtung P-Berg. Von der Stadtbahn kommend sehe ich immer schon von weitem das Laufband, das ich - ganz digitaler Bildungsbürger -  sobald nähergetreten reflexartig begutachte, um mich auf den neuesten Newsstand zu bringen (es ist ja schon 13 Minuten her, seit ich meinen Rechner zugeklappt habe, da kann es schon wieder mehrere Unternehmenszusammenbrüche, SPD-Krisen oder Trainerselbstentlassungen gegeben haben, OHNE dass ich es weiss). Also ich zoome sofort auf den Newsticker, der sich oberhalb des Haltestellenhäuschens (sagt man das heute noch so, klingt sooooo ‘73?) befindet und wundere mich.

Denn in schöner LED-Schrift läuft folgendes durch den Kasten (aus dem Kopf zitiert): BVG und N-TV bringen Ihnen die neuesten Nachrichten. So zum Beispiel am 11.06., da hiess es: +++ Hunderttausende feiern 60 Jahre Grundgesetz +++ Grüne helfen Köhler +++ Schauspielerin Barbara Rudnik gestorben +++ Und am 15.06.: +++ Hunderttausende feiern 60 Jahre Grundgesetz +++ Grüne helfen Köhler +++ Schauspielerin Barbara Rudnik gestorben +++ … und am 19.06. +++ Hunderttausende feiern 60 Jahre Grundgesetz +++ Grüne helfen Köhler +++ Schauspielerin Barbara Rudnik gestorben +++ …

Das ist kein Film. Aber eine Schleife. Eine Endlosschleife. Frau Rudnik bleibt (leider) auch weiterhin tot, der Präsi ist gewählt und das Grundgesetz geht stramm auf die 61 zu. Wie lange wird diese Schleife noch gedreht? Haben wir vielleicht immer noch den 23. Mai und die Welt steht bereits seit Wochen still? Oder ist das evtl. eine Kunstaktion, die uns etwas über den Hyperaktualitäts-Hype der modernen Informationsgesellschaft sagen will? Oder hat einfach ein Mitarbeiter seit fast 4 Wochen gepennt? Naja, bei der BVG …

Frühlingsgefühle

Freitag, 24. April 2009
fruhlingsgefuehle-bluehen-auf

fruhlingsgefuehle-bluehen-auf

Was für ein Frühling! Alles blüht, die Sonne lacht, die Röcke werden kurz, die Augen groß und die Herzen weit. Amor bestückt seinen Köcher, Pheromone tränken die Luft mit ihrem verheissungsvollen Äther. Und einige Jungs (und Mädels) packen jetzt wieder den ganz großen Bagger aus.

love is all around

love is all around

Jetzt ist die Zeit in der alle 27 Sinne (danke, Kurt Schwitters) auf vollen Touren laufen. Die Menschen treibt es vor die Tür, ins Grüne und mitten hinein ins Balzverhalten.

Wohin man auch schaut, es gibt nur ein Thema.

Wirklich nur ein Thema.

Flirten, angraben, anbaggern. Das ist das große Spiel. Doch manchmal wird es auch übertrieben. Schockierende Bilder aus dem letzten Jahr belegen, wie das wilde Anbaggern wirklich tiefe Furchen in Berlins Mitte hinterlassen hat.

Der Beweis:

How long is now?

Dienstag, 31. März 2009
How long is now

How long is now

Ein kurzer Moment, ein Augenblick, wir nennen es die “Gegenwart” oder das “Jetzt”. Aber ist es das wirklich? Können wir es auch als solches wahrnehmen? Ist nicht schon in dem Moment des Gegenwärtigen Zeit vergangen, bevor wir uns dem Jetzt überhaupt gewahr werden? Und ist es damit nicht schon Vergangenheit? Schlimmer noch UNSERE Version der Vergangenheit, weil wir den Moment nur aus unserer Perspektive und kontextuell wahrnehmen können oder besser sequentiell. Denn für uns ist die Zeit kein stetiger Fluss, sondern eine Zusammenfassung von Wahrnehmungshäppchen, die wir letztlich nur “historisch” betrachten können.

Also was ist das Jetzt und wie lange dauert es?
In der Wahrnehmungsforschung ist es Konsens, dass der Mensch 3 Sekunden benötigt, um die Gegenwart wahrzunehmen. Alle drei Sekunden fragt das Gehirn also ab, was es neues gibt. Diese episodenhafte Abfolge wird dann im Hirn montiert und so ein Zeitfluss konstruiert. Der Münchner Gehirnforscher Ernst Pöppel beschreibt, dass sich der Mensch gewissermassen durch die Zeit stottert.

Aber widerspricht das nicht unserer täglichen Wahrnehmung, wie wir Menschen interagieren? Im Strassenverkehr, im Sport, in Diskussionen, wie können Menschen “geistesgegenwärtig” aufeinander reagieren? Wahrscheinlich gar nicht. Wenn man einmal überlegt, wie oft Menschen während eines Gespräches aneinander vorbeireden, so kommt man schnell auf den Gedanken, dass der einzelne nur Wahrnehmungen zeitlich vorherliegenden Ursprungs verarbeitet hat und in der Replik auf soeben Gesagtes quasi blind und taub ist. Soviel zur Wahrnehmung.

Doch kann man den Moment leben?
Ja. Wenn man Afrikaner ist. Oder wenigstens aus dem Mittelmeerraum kommt. Hier wird das Jetzt gelebt, ausgenutzt bis in den Nanobereich und permanent gefeiert. Wir Deutsche sehen die Gegenwart immer im Kontext der Bewältigung von Vergangenem UND GLEICHZEITG der Planung des noch zu Erledigenden. Wir sind eigentlich nie im Jetzt angekommen (sportliche, sexuelle und drogeninspirierte Extremumstände einmal ausgenommen)! Wir klammern es aus, weil wir zu busy sind, das Morgen zu planen, so vergessen wir das heute (das Jetzt ist für uns ein “flüchtiger Augenblick”, quasi ein Ausbrecherkönig der Gegenwart).

Die Tatsache, dass ich hier über die Gegenwart philosophiere und mich nicht seelebaumelnd dem Jetzt hingebe, weist mich als Zugehöriger des eben beschriebenen Kulturkreises aus. Ich bin Teil des Problems, aber wie kann ich Teil der Lösung sein? Wenn es - ganz unpathetisch gemeint - etwas gibt, das wir unseren Kindern mitgeben sollten, dann das einfache, kontextlose, frei schwebende Auskosten des Moments. Kinder müssen das nicht lernen. Sie machen das nämlich ganz automatisch. Doch in der Knochenmühle des Lebens wird es ihnen Stück für Stück abtrainert. Und was Hänschen noch kann, lernt Hans nimmermehr.

Brandenburg stirbt aus

Montag, 09. März 2009
Kein Sex mit Nazis

Kein Sex in Rangsdorf

Zunächst einmal ein kurzes aber kräftiges Chapeau! für die Initiatoren der Kampagne “Kein Sex mit Nazis”. Sie wollen das Gute, sie wollen das Richtige. Und das ausgerechnet auf der braunen Scholle der Mark Brandenburg. Respekt!

Doch mal angenommen die holde, märkische Weiblichkeit hält sich an die Vorgabe. Kein Sex mit den Bräunlingen, also auch kein Nachwuchs in diesem ansonsten konstant steigenden Bevölkerungsteil. Brandenburg, das schon heute an den Rändern langsam hinwegsiecht, könnte zu einer öden, leeren Sandwüste verkommen.

Was meinen Sie? Gar nicht so schlimm? Ist doch heute auch schon sterbenslangweilig im Lande? Und immerhin wären wir die Neonazis in diesem Bundesland dann perspektivisch los?!

Jetzt, wo Sie’s sagen. Weitermachen (mit Aufhören)!

Sansibar - die ganze Wahrheit

Samstag, 31. Januar 2009
Sansibar, der Grenzstein

Sansibar, der Grenzstein

Sansibar, dieser Name verheisst das Paradies auf Erden! Spätestens seit Alfred Anderschs “Sansibar oder der letzte Grund” steht Sansibar für einen utopischen Ort mit einer besseren Zukunft. Beim Wort Sansibar allein trägt einen die Sehnsucht fort in die blaue Ferne, wie von Hans Albers besungen. Und Achim Reichel sang entrückt “Hab die ganze Welt gesehn von Singapur bis Aberdeen, wenn du mich fragst wo’s am schönsten war, sag ich Sansibar.” Unter Kokospalmen an endlosen Stränden von mokkabraunen Schönheiten mit den nötigen Mixgetränken versorgt zu werden und dabei nur das Plätschern des indischen Ozeans zu hören. Wunderbar!

Soviel zur Dichtung, doch wie ist es wirklich, das Sansibar unserer Tage? Sonntags keine Brötchen hat weder Kosten noch Mühen gescheut und ist einfach mal hingefahren.

Nach einer umfangreichen, vierminütigen Internetrecherche lagen die wichtigsten Fakten vor: Sansibar ist eine Inselgruppe an der Ostküste Afrikas. Das Klima ist maritim, im Dezember und Januar wird es am wärmsten, die jährliche Durchschnittstemperatur liegt bei 26,5 °C. Das Kulturgebiet ist tropisch. Die Sansibari bestehen aus Afrikanern, Indern, Persern und Arabern.

Anreise
Die Reisezeit lag fest, es würde Dezember werden, bei denkbar ungünstigen, weil besonders heissen Temperaturen. Nachdem Schiffsreisen durch die Piraterie am Golf von Aden und vor Somalia sich als zu gefährlich erwiesen und Flugreisen bei Preisen von 800 Euro knapp über dem SKB-Reisejahresbudget lagen, war Kreativität und Mut zur (Anreise-)Kürze geboten. Schliesslich spielte uns der Zufall den Busfahrplan der Nordseeinsel Sylt in die Hände. Und da stand schwarz auf weiss, dass man von Westerland mit der Linie 2 kurz hinter Rantum und nach einem kleinen Schlenker über Samoa das Paradies Sansibar erreichen kann. Der Reisepreis von 2 Euro wurde gerade noch vom SKB-Reisebudget gedeckt und schon ging es los …

Gastliches Sansibar

Gastliches Sansibar

Erste Entdeckungen
Schon direkt nach dem Ausstieg aus dem Bus erwies sich die vom Reiseautor gewählte Kleidung (kurzärmliges Hawaihemd, Shorts, Adiletten) als nicht ganz optimal. Bei frostigen 2 Grad Celsius und stürmischem Westwind zeigte Sansibar eine überraschend arktische Witterung. Doch nicht nur das Klima wurde in der eingängigen Reiseliteratur völlig falsch beschrieben. Auch die Einwohner der Insel waren keineswegs so multikulturell geprägt, wie uns die Literatur glauben machen will. Die einzigen Menschen von dunkler Hautfarbe waren zwei Solariumbetreiber aus Delmenhorst und das arabischste an Sansibar war ein Zwergpudel namens Ali, der auf dem Schoss einer Düsseldorfer Boutiquenbesitzerin drapiert wurde.

Starke deutsche Präsenz
Unübersehrbar ist der Einfluss deutscher Firmen auf der Insel. Den Grenzstein ziert eine bekannte, deutsche Brauerei. Neben der Staatsflagge weht gleich die Fahne eines grossen, deutschen Autoherstellers und auch die meisten Speisen in der Restaurants könnten genauso gut in Hamburg oder Karlsruhe aufgetischt werden.

Sansibaris Fortbewegungsmittel

Sansibaris Fortbewegungsmittel

Ureinwohner
Jeder männliche Sansibari legt sich im letzten Lebensdrittel metallene, fahrbare Panzer zu, die in ihrer monströsen Präsenz dem Weibchen imponieren und den Anschein von Sicherheit und Souveränität vermitteln sollen. Die Weibchen tragen ihren Pelz gut gepflegt und verströmen einen leicht süsslich-blümeranten Duft, mit dem sie ihrerseits besonders potente Männchen anlocken.

Fazit
Wenn Sie glauben, Sie kennen Sansibar, lassen Sie sich sagen: Sie kennen es nicht. Sansibar ist anders. Und glauben Sie keinesfalls, was Reiseführer schreiben. Glauben Sie Sonntags keine Brötchen. Hier finden Sie die ganze Wahrheit!


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